C H R I S T I A N M O E L L E R

D I S T O R T I N T O R E A L I T Y

I N F O

 

 

 

 

Christian Möller (geboren in Ludwigshafen am Rhein) ist ein deutscher Maler und Künstler. Sein Werk umfasst neben der Malerei Zeichnung, Skulptur und Installationen. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Wegen Ungehorsam und Aufruhr wurde er in seiner Jugend von zwei Gymnasien verwiesen und musste mehrfach Schulklassen wiederholen. Während einem Schul - Konzert mit seiner damaligen Punkband „Atemstillstand“ ließ der Direktor den Strom abstellen.

Sein Studium der Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe beendete er mit dem Diplom und Meisterschülertitel bei Prof. Horst Antes. Noch während seines Studiums begann der Künstler seine Bilder ausschließlich in Schwarz- und Weißtönen zu malen. Die anfänglichen Friedhof-, Nacht- und Industrielandschaften wandelten sich im Laufe der Zeit in eine stark expansive, heftige und tiefgründige Malerei. In seinen Arbeiten erzeugt er durchdringende Bildwelten, die oft übersteuert und dramatisch wirken. Verwüstung, Schmerzen, Wut, Trauer, Verzweiflung, Horror, Chaos, aber auch der durch diesen Ausdruck entstehende Mut, Zuversicht, Gelassenheit, Ruhe, Kraft und Glück fliessen in Möllers Bildern zu einem Ganzen aus Licht und Schatten ineinander. Seine Arbeiten besitzen eine hohe Sensibilität und große künstlerische und technische Fertigkeit, die er spielerisch einsetzt.

Ende der neunziger Jahre hat er in Anlehnung an sein Anfang der neunziger Jahre entstandenes Bild „Im Gefrierfach unserer neuen Rückgewinnungsanlage“ eine Tiefkühlcontainer Installation entwickelt mit der er vom damaligen Leiter des Kunstvereins Hannover zu der nach der Jahrtausendwende stattgefundenen Ausstellung „On Stage“ eingeladen wurde. Kurze Zeit vor der Ausstellungseröffnug wurde er mit der Begründung ausgeladen, er sei Maler. In minimaler Abänderung wurde diese Arbeit dann dort von dem Schweizer Künstler Christoph Büchel unter dem Titel – Minus – gezeigt.

Möller bezeichnet den geschichtlichen Hintergrund, vor dem er aufwuchs, als eine Zeit, in der die Generation seiner Eltern damit beschäftigt war, die Schrecken und Nachwirkungen des Krieges im Konsum und der Vorstellung einer heilen Welt zu ersticken. Die in der NS Zeit geprägte Sprache empfindet er als unerträglich. Durch seine unkonventionelle künstlerische Herangehensweise ist es ihm gelungenen die Tür zu einer Bilderwelt zu öffnen, die ihm den malerischen Raum bietet „Nicht-Sichtbares“ sichtbar zu machen. Seine Arbeiten sind dabei oft auch auf die Schattenseiten und seelischen Abgründe der menschlichen Existenz mit all ihren Facetten ausgerichtet: dem was im Verborgenen liegt und Fragen aufwirft. Dabei befasst er sich mit den geschichtlichen Hintergründen unserer Zivilisationen, mit Philospohie, Psychologie, Literatur und Mythologie. Themen wie die europäische Hexenverfolgung der frühen Neuzeit, Krieg, Industrialisierung, Christianisierung, soziale Ausgrenzung, Missachtung, Misshandlung und Kindesmisshandlung sind keine Seltenheit.

Unter anderem hat er an Ausstellungen im Haus der Kunst in München, im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main, im Kunstverein Braunschweig und im Badischen Kunstverein Karlsruhe treilgenommen. 2007 hatte er seine erste Einzelausstellung in Los Angeles. Ein Jahr darauf in London. 2011 folgten Interventionen in Rio de Janeiro und Santa Fe. 2012 stellte er in Toronto und Mexico City aus. Seit 2011 fanden mehrere Interventionen im Ausland und Berlin statt.

"Meine Arbeit ist ein zweischneidiges Schwert. Aber diejenigen die sich damit nicht befassen wollen, weil es sie am konsumieren hindert, interessieren sich sowieso nicht für Bildende Kunst, sondern nur für Kitsch, Klatsch und Tratsch. Ich überzeichne diese Begrifflichkeiten mit Absicht, um es deutlich zu machen. Es ist nun einfach mal so. Das ist die Seite unserer Kultur die überall kaschiert wird. Diese Kultur tut nur so, als sei sie offen strukturiert. Ansonsten müsste sie sich nämlich selbst abschaffen. Sie ist nur zugänglich für diejenigen die "gehorchen", mitmachen und sich ausbeuten lassen. Die vermeintlichen "Freiheiten", sind gar keine. Sie sind Trugbilder davon.

Tiefgreifende, einschneidende und schmerzhafte Erlebnisse im Leben haben mich zum Nachdenken gebracht und mein Fühlen bestimmt. Mein Denken ist nicht erdacht. Deshalb wird es mir nicht gelingen alles gedanklich und gefühlsmäßig zu erfassen oder zu erdenken. Das ist Niemandem von uns gestattet. Ich kann mich aber immer auf diese Basis besinnen. Sie ist das Zentrum meines Seins. Es ist doch verstandesmäßig paradox, das genau diese Tiefpunkte in unserem Leben, unsere Stärke sind. Uns tief blicken, tief empfinden lassen.

Die
Arbeiten sind auch eine Form von "Nein." Eine Haltung, die in existenzialistischen Erlebnissen begründet liegt. Eigentlich war schon am Anfang alles vorbei. Und auch dem Tod bin ich früh entronnen. Ich wurde im Winter geboren und mag daher Nebel und trübes, graues Wetter sehr. Dazu Schnee in der Nacht, Schnee am Tag. Das ist mein Licht. Die Arbeit ist wie der Blick in eine andere Welt. Sie ist das, was war und ist. Es ist nicht beabsichtigt, kein Konzept. Es ist einfach so passiert. Im Grunde können sie gar nicht schlimm genug aussehen, die Bilder. Nicht schön. Mit allem was ich zur Verfügung habe arbeite ich dagegen an. Durch die Höhen und Tiefen im Leben und die daraus entstandenen Grenzerfahrungen war ich sehr oft gefordert mich Unbekanntem zu stellen. Es ging nicht anders. Ich musste alles improvisieren. Jetzt kommt mir das beim Arbeiten zugute, da es mir leicht fällt angelernte Denkmuster zu durchkreuzen und ich keine Angst habe sie über Bord zu werfen. Es ist die Ursprünglichkeit die mich vollständig vereinnahmt beim Malen. Niemand bekommt das so hin. Niemand hat das so erlebt. Es gibt ähnliche Ansätze. Mehr aber auch nicht. Und es wird immer das sein was ich bin. Ich mag keine Auflagen, keine Drucke und keine vorgefertigten Dinge. Es soll aus dem Nichts kommen. Wie ein Weg den ich nicht kenne. Wo Niemand ist und war. Alle Originale bearbeite ich mit dem Mittel das nicht gut zu mir war. Mit der Hand. Ich mache die Bilder so gut es nur irgendwie geht und mit allem was ich zur Verfügung habe kaputt. Misshandle, verhunze, demoliere sie, schrotte sie runter. Es ist Sabotage.

Und es ist unglaublich. Im Grunde malen sie sich selbst. Ich kann es selber nicht begreifen. Wenn ich bei mir bin, in meinem Fühlen, in meiner Abgeschiedenheit, meiner innersten Tiefe und meiner Mitte, und ganz und gar vertraue, stehe ich völlig verwundert daneben und fasse es nicht. Alles geht von alleine. Als wäre es schon immer da gewesen.

Malen ist ganz einfach. Eindruck-Ausdruck. In der Schule hatte ich am liebsten aus dem Fenster gesehen und mir eine Welt erschaffen, die es außerhalb meiner Fantasie nie gegeben hat, nie geben wird und nicht gibt. Eine existenzialistische Überlebensstrategie. Ich hatte Sprache als etwas Negatives erlebt. Sie wurde verwendet, um Wahrheit zu verdrehen, um wegzuführen von einem selbst, um wehzutun. Sie stand immer im direkten Zusammenhang mit den Erlebnissen. Eigentlich habe ich kein Vertrauen in sie. Es ist noch erschüttert. Ich lese kaum Bücher, nach 3, 4 Seiten baue ich aus innerer Abwehr ab. Ich befasse mich dann mit den Autoren und dem Geschriebenen über den Weg der Beobachtung. Anhand von Ausschnitten, wie sich das anfühlt was jemand schreibt, wie die Person es schreibt und so weiter. Lyrik und Prosa kommen mir entgegen. In wenigen Sätzen viel sagen ist unbeschreiblich toll. Als führe man die Sprache zu ihrem Ursprung zurück.

Das Malen trifft mich. Es ist mir sehr vertraut und geht leicht von der Hand. Da es sich „außerhalb unserer Gesellschaft“ befindet, fühle ich mich dort aufgehoben. Schreiben berührt immer noch zu sehr mein Denken. Wegen meinem Scheitern mit der Sprache ist mir der Weg von der Empfindung her versperrt. Ich müsste es erst ganz neu lernen. Malen, wie ich es verstehe ist im Grunde ganz einfach. Es besteht aus dem Einklang von fühlen und denken. Darin liegt unsere ganze Tiefe. Und dieser Einklang bezieht sich auf das Einzige was wir haben. Auf uns selbst. Wir haben es jedoch gelernt abgeschnitten davon zu sein und damit kompliziert. Verwertbar für Andere. Das ist sicher auch ein Aspekt der mir gefällt. Man kann Malen nur sehr schwer fassen.

Schreiben tue ich nur im Notfall. Es hat den Vorteil, das es vordergründig viel mehr Menschen erreicht. Es bewegt sich ja innerhalb unserer Sprache und erweckt den Anschein verstanden zu werden. Das liegt an der Wiedererkennung der selben verwendeten Synonyme. Aber was diese Synonyme für jeden einzelnen von uns bedeuten ist völlig verschieden. Die meisten Menschen sehen das Malen vom Denken her. Das ist ein Missverständnis. Sie ordnen diese Sprache in das durch unsere Sprache vermittelte Denken ein. Es lässt sich jedoch nicht in unsere Sprache übersetzen. Das geht nicht. Es ist wie wenn man kein Tschechisch spricht, aber das Tschechisch beschreibt. Wie es klingt usw. Es braucht auch keine Übersetzung. Neben Lauten, ist es unsere älteste Ausdrucksform und eine seltene Sprache, die nicht vielen Menschen zugänglich ist. Das hat ganz einfache Gründe. Man muss sie selber handhaben, um sie zu lernen, sie lesen zu können. Es ist nicht schwer. Mit dem Verstand ist sie nicht zu begreifen. Aber natürlich gibt es KünstlerInnen die mit dem Denken malen.

Wenn ich male komme ich bei mir an. Es ist Mittel zum Zweck. Alles was da rein gedichtet wird trifft es nur bedingt. Dadurch entsteht schnell eine Aura des Mystischen. Was totaler Unsinn ist. Es ist eine völlig banale Tätigkeit. Aber genau das sind wir eben auch. Und das spüren die Menschen. Würden alle malen, würden es alle verstehen. Für mich ist es eine Zwischenwelt außerhalb des reinen Denkens.

Für Viele ist Kunst eine Insel. Eine Insel vom Alltag. Da passt es oft nicht das Wahrheiten auf den Tisch kommen. Aber Kunst ist Bildende Kunst. Bildende Kunst = Bildung = Aufklärung = Wahrheit. Wo soll diese denn sonst Platz haben? In den Medien?

Das Hauptproblem mit dem Geld ist, das es uns mehr trennt, als das es uns verbindet. Es schiebt sich zwischen alles. Wenn es zur Religion wird, ist es eine Krankheit. Eine geistige Seuche. Man muss es erleben, damit man es versteht.

Macht, Besitz und Geld sind vor allem eins: Letzten Endes allesamt wertlos. Wenn sie nicht dem einen und einzigen Zweck dienen. Das es für die Menschen eingesetzt wird und wir füreinander da sind. Das Menschsein ist das Göttliche. Nicht der Glaube an tote, leblose Materie. Der Hauptbestandteil unserer Kultur und der Motor hinter allem sind die Kriege. Und selbstverständlich müssen wir sie zeigen. Diese Bilder. Den ganzen Tag. Von morgens bis abends. Nichts anderes. Weltweit. Wenn erforderlich jahrelang. Ich bin mir sicher das unsere Kultur seit einigen tausend Jahren einem falschen Glauben unterliegt. Die meisten Naturvölker waren in ihrem sozialen Verhalten weiter entwickelt. Viele von ihnen lebten in einem friedlichen Miteinander ohne große Hirachien. Niemand musste Hunger leiden, es sei denn das ganze Volk war am verhungern. Was tun wir? Große Teile der Bevölkerung sind nach wie vor am verhungern, während sich andere gegenseitig massakrieren. Warum? Für wen? Für was? Nein das ist nicht unsere Natur. Das ist nur unsere Kultur.

Diese Kultur und Kunst schließen sich gegenseitig aus. Sind ein direkter Widerspruch.

Unabhängig von Herkunft, Abstammung und Geschlecht gibt es die verschiedensten Menschen. Niemand hat sich den Ort seiner Geburt ausgesucht. Daher hat es jede und jeder Einzelne verdient als das wahrgenommen zu werden was sie und er ist. Äußerlichkeiten sind völlig unwichtig. Zitat: "Wichtig ist der Kern des Menschen." Mein Glück ist es, das mir der Glaube an Geld und Reichtum früh abhanden gekommen ist. Das macht mich frei. Ich liebe die Unterschicht. Das ist mein zuhause.

Das ist es was ich vermisse: Das es um geistige und innere Erkenntnis geht. Um Inhalte die unser Leben nicht unterhalten. Uns wegführen. Das wir innehalten. Das wir ankommen in unserem Geist. In unserer Angst. Umso weniger ich habe, umso mehr begegne ich mir. Dann wächst meine Seele, meine Wahrnehmung, mein Bewusstsein, meine Gefühle, meine Erinnerungen, meine Bilder in mir. Jegliches heilt dann mein Denken. Es ist wie eine Welt die sich auftut. Alles ist schon da. Ich habe es nur nicht gesehen."

Christian Möller / Christian Moeller

 

 

Berlin based artist Christian Moeller was born in the southwest industrial city in Ludwigshafen on the Rhine, Germany “and grew up in a time where the generation of my parents was busy drowning the fright and aftermath of the war with consumption and the conception of an ideal world“. He trained at the Academy of Fine Arts in Karlsruhe with Horst Antes and his paintings can be seen as visual manifestations of the deepest repressed emotions and darkest experiences which lie at the heart of the human psyche. Drawing inspiration from what he calls "the mental abyss of human existence", Christian strives to make the invisible visible.

Christian Moeller's huge canvases serve as a startling reminder of our own diminitive position in relation to the universe. Loneliness, destruction, pain and chaos confront us with uncompromising force. Titles such as "And Once Again a Day Closer to the Grave" and "New From the Land of Grudge and Why the Graves Are Always Filled With Optimists" are perhaps a nod to Samuel Beckett's existential masterwork Waiting For Godot:

"Astride the grave and a difficult birth.
Down in the hole, lingeringly, the grave-digger puts on the forceps.
We have time to grow old. The air is full of our cries."

However unsettling, these large and malevolent canvases loom before us, attracting us rather than repelling. They exert an exotic attraction, luring us deep into the abyss. The act of looking has never been less passive. This work demands our engagement: we must move around, stepping backward and forward and left and right, as we navigate our way around the painting, but our
effort is certainly rewarded. We are able to discern a richness and depth in the midst of the darkness.

Moeller says: "I allow a form more freedom if I do not evaluate it with colours", and we see that the engulfing blackness is puncuated with tantalising strokes of white and layer upon layer of grey tones: mysterious forms begin to emerge before us. The frenzied brushstrokes represent an interior stream-of-consciousness laid bare upon the canvas, which is transformed into a stage
upon which the subconcious plays. Gradually, the manic strokes converge before our eyes to form a coherent and cathathic whole.

To look is to embark with Christian Moeller upon a journey from which we emerge slightly shaken, but with a greater knowledge of ourselves and of the human condition.

Text by Kerry Edwards, London 2007

 

 

Dr. Andreas Vowinckel in dem Katalog, "Bilder. Ganz weit weg; Über die Erfindung der Sehnsucht nach nur noch Blumen am Himmel, das Warten bis es hell wird und die Abseitsfalle", herausgegeben vom Badischen Kunstverein Karlsruhe und dem Kunstverein Braunschweig 1998, ISBN 3-89309-083-5.
"Ich überlasse der Form mehr Freiheit, wenn ich sie nicht mit Farbe bewerte"
(Christian Möller)

Die Bilder von Christian Möller üben eine fremdartige Anziehungskraft aus. Ohne Farbe nur mit Schwarz- und Weißtönen auf großen Leinwandflächen entwickelt, lenken die heftigen, ausladenden Bewegungsschübe die Wahrnehmung des Betrachters in ein undurchdringliches Dickicht kompakter und transparenter Formen. Sie bleiben Fragment, flächig angelegt und doch in jeder Zone vielschichtig farbräumlich modelliert. An keiner Stelle vermittelt der Bewegungsablauf in der Pinselführung eine Ruhe und Gelassenheit oder inneres Gleichgewicht in den kreisenden, gerichteten, ellipsoiden oder linearen Formen. Vielmehr drohen die Unruhe und Kürzelhaftigkeit der Farbensetzungen, einer heftigen in äußerster Erregung hingekritzelten Folge von Zeichen und Buchstaben in einem Brief oder einer Tagebuchnotiz vergleichbar, die sich erst aus der Distanz des Lesens zu einer Einheit und ablesbaren inhaltlichen Mitteilung formen, auf den Leinwänden in einem Chaos der bildnerischen Zeichen und unendlichen Räume zu versinken. Dem Sog kosmischer Weiten eines grenzenlosen Alls ausgeliefert, das sich dem menschlichen Vorstellungvermögen entzieht, tauchen einzelne Formfiguren unerwartet, ebenso schnell wie sie verschwanden, aus den Untiefen wieder auf.

In diesem Grenzbereich zwischen der Oberfläche der Leinwandbilder, auf denen die Spuren der Farbensetzungen ablesbar sind und der bildnerischen Tiefenräumlichkeit der Farbenmodulationen aus Schwarz-/Weißtönen in unendlichen Mischungsverhältnissen aller nur denkbaren Grauwerte von tiefem Schwarz bis zu dem hell aufleuchtenden , funkelnden Lichtblitz eines blendend hellen Weiß gewinnen die Bilder von Christian Möller ihre innere Spannung. Sie fordern zum Sehen heraus. Sie locken und verführen den Betrachter sich widerstrebend in das dramatische Geschehen verwickeln zu lassen. Auch wenn er sich mit Abscheu und Angst vor dem Unbekannten, vor solchen Welten, die ihm keine Schönheit, keinen Genuß des Ästhetischen, sondern möglicherweise das Grauen und Abgründe zu verheißen scheinen und gerade deswegen sich gegen diese zu wehren, zu verweigern versucht, blickt er doch nur in sich selbst hinein. Erst einmal eingetaucht in diese lichtdunklen labyrinthischen Räume, führen sie den Betrachter, zwar auf sich alleine gestellt, aber doch vom Künstler geleitet, wie Dante von Vergil in seiner "Divina Commedia", in Welten des Infernos ebenso wie des Glücks, dort wo das Leben spielt. Je länger man sich in den weiten Bildräumen bewegt und durch sie hindurchstreift, desto reicher und überraschender werden die Entdeckungen jener Bilder, die sich in unserer Fantasie einstellen und unser Denken zu beschäftigen beginnen. Es sind nicht die Bilder, die Christian Möller besetzt hielten, als er sich auf seine malerischen Seelenwanderungen begab, sondern unsere eigenen Bilder, die wir in uns entdecken.

Hierzu tragen auch entscheidend die großformatigen Leinwände bei. Sie überschreiten proportional wesentlich das natürliche Körpermaß und den normalen Aktionsradius von einem einzigen Standpunkt aus für die körperlichen Handlungen der Arme im Malprozess. Sie zwingen damit den Künstler ebenso wie den Betrachter sich ständig vor der Leinwand zu bewegen, die Haltung zu verändern und den Arbeitsplatz des Malens oder des Betrachtens zu wechseln. Aus der Bewegung heraus, die nicht nur körperlich bedingt ist, sondern sich auch, ja vor allem im Geistigen, Seelischen, Emotionalen eines wahrnehmenden Denkens, Empfindens und Erinnerns manifestiert und dadurch in bildnerischen Handlungen und Farbensetzungen künstlerische Gestalt annimmt, verdichten sich die abstrakten Farbenkürzel zu Formgebilden mit einer immanenten Struktur und organischen Gesetzmäßigkeit, gewinnt das scheinbar undurchdringliche Chaos der Farbenräume Ordnung, Richtung und ausgewogene Stabilität. Jedes Bild ist damit notwendigerweise das Ergebnis eines langwierigen Arbeitsprozesses. In und mit ihm durchlebt Christian Möller von der ersten Setzung auf der nackten Leinwand bis zum abgeschlossenen Bildgefüge alle Höhen und Tiefen von äußeren und inneren Spannungen, Wahrnehmungen, Beobachtungen, Ereignissen, die ihm im Alltäglichen widerfahren.
Er trägt sie bildnerisch bis zu dem Moment aus, wo er sich nach vielen Übermalungen, Lasierungen in kompakten Farbenverdichtungen und/oder transluziden Farbenauflösungen in einer Zuständlichkeit bindet und sie darin beläßt, wo er glaubt für sich sein inneres Gleichgewicht gefunden zu haben, wie er selbst hervorhebt: "Und wenn ich dann sehe, daß das mit mir in Übereinstimmung steht, dann habe ich schon sehr viel erreicht..." (aus: Christian Möller, Wir Kinder vom Rhein, 1994, herausgegeben von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe)

Auch wenn im Malgrund vereinzelt unerwartet figurative Anspielungen auf Menschen, Landschaften oder Gefühlsbewegungen auftauchen können, die gedankliche Hintergründe erkennen lassen mit denen sich Christian Möller beim Arbeiten beschäftigt haben mag, gewinnen seine Arbeiten in einem Stadium der Durcharbeitung jene formale und inhaltliche Dichte, Reife und Entgültigkeit, die erst im Zustand der inneren "Übereinstimmung" zwischen dem Künstler und seinem Werk in eine Ambivalenz des Wirklichen umschlägt: es ist die Ambivalenz der Autonomie des Malerischen in einer Malerei, die sich selbst sui generis reflektiert und es ist die Ambivalenz einer Inhaltlichkeit, die ihre Aussagefähigkeit aus der Substanz, Struktur und Dichte der malerischen Farben- und Formengestaltungen im Spannungsverhältnis des Abstrakt-Konkreten ihrer realen Zuständlichkeit bezieht. Diese füllt sich mit realen Gedanken, Assoziationen und Emotionen auf, in deren Bilder wir uns selbst, das Wirkliche unseres Seins, unseres Sehens, unseres Denkens und Empfindens entdecken und erkennen können. Christian Möller unterstreicht diese Tendenz in der Lesbarkeit seiner Bilder auch mit Titeln etwa von solchen hier gezeigten und dokumentierten Arbeiten, wie: "Stumpf ist Trumpf" oder "Und schon wieder ein Tag näher am Grab" (1994), oder "Neues aus dem Land der Mißgunst und warum die Gräber voller Optimisten sind" (1996), bis zu "Nur noch Blumen am Himmel" (1997), "Bei der Verleihung des Staatsstipendiums für geistige Aufklärung erinnern wir uns an den Tafeldienst" oder "Der neue Weg und der letzte Dreck und zur Gewöhnung an Arbeit und das Licht auf den Feldern dahinter" (1995) Diese aus alltäglichen Erfahrungen und kritischen Beobachtungen des Geschehens um ihn herum abgeleiteten sprachlichen und damit auch autobiographisch motivierten malerisch gestalteten Bilder gewinnen erst in ihrer immanenten Spannung zwischen dem Sichtbaren und Nichtsichtbaren, dem flächig gebundenen unendlich vielschichtigen Farben- und Formengefüge und dem gedanklichen Gehalt möglicher Assoziationen schließlich eine über den Künstler hinausweisende Dimension und auch Legitimation in dem Sinn, den sich Christian Möller selbst setzt: "Entscheidend ist, das Gesamtverhältnis zwischen sich und der Welt zu sehen." (Christian Möller)

 

 

Dr. Andreas Vowinkel writes in the catalogue: "Pictures. Very far away; on the invention of longing for a sky of only flowers, the waiting until dawn and the trap of being apart." published by Baden Art Association, Karlsruhe, Germany and Art Association Braunschweig, Germany 1998, ISBN 3-89309-083-5 "I allow a form more freedom, if I do not evaluate it with colours" (assign it colour)
(Christian Möller)

The paintings of Christian Möller exert an exotic attraction. Developed merely in black and white tones on large canvasses, the intense, attenuated and pushed movements draw the viewers attention into an impenetrable thicket of compact and transparent forms. They remain fragments rendered two dimensional, however they are in every section modelled multi-layered colourspaces. In no place do these brushstrokes evoke peace and resignation or inner balance in the circling, directed, elliptical or linear forms. More than that, the restlessness and shorthanded notation of colours, which is an intense series of signs and letters scribbled in extreme excitement comparable to a letter or entry in a diary and forming both a unity during the more distant process of reading as well as a readable message, is in danger of drowning on the canvass in a chaos of pictorial signs and endless spaces. Given over to the pull of cosmic breadth in the boundless universe, which is incomprehensible to human conception, single formed shapes reappear as unexpectedly out of the abyss as they disappeared.

The paintings of Christian Möller generate their inner tension in this border area between the surface of the canvass, which reveals the traces of the set colours, and the pictorial depth of colour modulation in endless ratios of black and white tones in all thinkable values of grey to dark black to brightly sparkling flashes of white light. They invite looking. They attract and allure the observer to be reluctantly involved in the dramatic event. Even when he, with aversion and fear of the unknown of such worlds which do not promise beauty, or enjoyment of the aesthetic but probably dread and abysses, tries to defend himself against these, and in trying to resist, then still only looks into himself. The images guide the observer, once submerged inside these dim labyrinth spaces, left alone yet directed by the artist, as Vergil by Dante in the "Divine Comedy", to the world of the inferno as well as to happiness, where life is played out. The longer one stays in these broad painted spaces and moves through them, the richer and more surprising the discoveries of those images which start to come up in our fantasy, occupying our thinking recome. These are not the images which obsessed Christian Möller when he departed on his artistic incarnations, but our own images, which we discovered inside of us.

The canvasses with their large format contribute considerably to this. They exceed proportionally the natural scale of the body and the area which in the process of painting can be reached by the arms from a single position. The format forces the artist as well as the spectator to move constantly in front of the canvass, to change posture, and to change standpoint for painting or looking at. Out of the movement, which is not alone conditioned by the body, but as well, or even above all, manifests itself in the intellect, spirit and emotion of perceptual thinking, sensing and remembering, the abstract shorthanded colour notations condense to formed shapes with an inherent structure and an organic regularity. And the apparently impenetrable chaos of colourspaces gains order, direction and balanced stability. Therefore, each painting is necessarily the result of a timely work process. Within this process from the first notation on an empty canvass to the finished image structure, Christian Möller lives through all the ups and downs of inner and external tensions, perceptions, observations and events he encounters in his daily life. He pictorially develops them to the point where he binds himself to one state after many solid and transparent coatings in compact, condensed colours and/or transparent, dissolved colours and leaves them where he feels he has found his inner balance, as he himself points out: "And when I see that this is in agreement with me, then I have achieved a lot…" (in: Christian Möller, Wir Kinder vom Rhein, 1994, published by Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe)

Even when unexpectedly figurative allusions to people, landscapes or emotions appear, showing the intellectual background which might have occupied Christian Möller while working, it is in the working process itself that his works gain their formal and substantial density, maturity and finality. This then shifts into an ambivalence of the real only in the state of internal concord between the artist and his work. It is the ambivalent autonomy of the picturesque in painting which reflects itself sui generis. And it is the ambivalence of content which draws its potential statement from the substance, structure and density of the artistic design of colours and forms in the tension between the abstract and the concrete in their states of reality. This ambivalence charges itself with real thoughts, associations and emotions, in whose images we can discover and recognize ourselves, the reality of our being, seeing, thinking and feeling. Christian Möller underscores this tendency in the readability of his paintings with titles, such as those of the works shown and documented here:
"Stumpf ist Trumpf" or "Und schon wieder ein Tag näher am Grab" (1994), or "Neues aus dem Land der Missgunst und warum die Gräber voller Optimisten sind" (1996), or even "Nur noch Blumen am Himmel" (1997), "Bei der Verleihung des Staatsstipendiums für geistige Aufklärung erinnern wir uns an den Tafeldienst" or "Der neue Weg und der letzte Dreck und zur Gewöhnung an Arbeit und das Licht auf den Feldern dahinter" (1995)*
These verbal and therefore autobiographically motivated images rendered artistic and deduced from everyday experiences and critical observations of the events around him,
finally gain a dimension and legitimisation exceeding the artist himself in the sense, which Christian Möller sets for himself: "What is crucial is seeing the relationship between oneself and the world."(Christian Möller)
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"Dull is Trump"
"And Once Again a Day Closer to Grave"
"New from the Land of Grudge and why the Graves are Filled with Optimists"
"Only Flowers left in the Sky"
"At the Awarding of the State Scholarship for Intellectual Emancipation We Remember the Table Service"
"The New Path and the Last Dirt and getting used to Work and the Light on the Fields Beyond"

 


Artist Statement

Painting is the real big challenge in my life. I am very happy because I never wanted to be anything else but a painter. The story of my life offers endless material to me. I was born in the southwest industrial city Ludwigshafen on the Rhine, Germany and grew up in a time when the generation of my parents was busy with drowning the fright and aftermath of the war with consumption and the conception of an ideal world. At home was like hell on earth and in school I felt like a stranger. I wanted to break free from this limitedness with its prefabricated, dependent conventions. Speech, means of expression of the school, the society and my home, to me was always an instrument of those regimentations (about the origin of speech in the human brain they say the following: First comes the form then the content and what won’t match in the end will simply be corrected) and so all that was left was vision. The vision was a world of its own. I held on to that and didn’t let go of it to this day.

I create a picturesque room, by making the invisible visible. My works that appear very dramatic are always also directed to the shady sides and the mental abyss of the human existence, with all their facets: What lies in the secrecy and poses questions to me. They address subjects like destruction, pain, violence, horror and chaos. During my studies in 1990 I began to paint my pictures solely in shades of black and white. In the course of time the initial cemetery-, night – and industrial landscapes changed to strong expansive, profound and bulky painting. I often deal with historical subjects, like the Industrialization, the history of the European witch-hunt in the early modern times, wars, the historical background of our civilizations, the Christianization and its consequences, philosophy, psychology, literature and mythology.

My world is small but my universe is huge. I discovered that I have everything in me that it takes for me to develop my own aesthetic using my perception.

My paintings are similar to a stage play. The stage setting – which in my case would be the paint – is kept simple on purpose, to allow myself to evolve my inner monologue – the form. But different from an actor, in my studio I go beyond the mere identification with my own figures. I to go through them in my works.

 


Forum Kriegsenkel

Das Forum Kriegsenkel bietet Interessierten und Betroffenen die Möglichkeit, sich auszutauschen und sich über die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges bis in die dritte Generation zu informieren. Die Generation der circa zwischen 1960 und 1975 geborenen ist nach dem Krieg in Gesellschaften aufgewachsen, die versuchten, den Krieg hinter sich zu lassen, oft mit wirtschaftlichem Ehrgeiz oder auch durch Emigration. Während die Bundesrepublik das „Wirtschaftswunder“ feierte, entwickelte sich die DDR als „real existierender Sozialismus“ zum ökonomisch stärksten Staat des Warschauer Paktes. Oft wanderten Familien aber auch aus, um so durch einen persönlichen Neustart der Vergangenheit den Rücken zu kehren. Doch hinter den Fassaden der verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Neuorientierungen, der „heilen Welten“, war und ist die Generation der Kriegsenkel umso subtiler von den Wirkungen des Nationalsozialismus und des Krieges betroffen: Denn faschistische Gewalt, Traumata, Ängste, Minderwertigkeitskomplexe und Aggressionen wurden nach dem Krieg weitestgehend dort ausgelebt und weitergereicht, wo die Öffentlichkeit keinen Zutritt hatte: In der Familie.

Über Jahrzehnte wurden und werden familiäre Verstrickungen während der Zeit des Nationalsozialismus tabuisiert und über Kriegserlebnisse geschwiegen. Ein ganzes Kapitel deutscher Familiengeschichte wurde somit auf Jahrzehnte verdrängt. Nicht selten leidet die Kriegsenkel-Generation dadurch an immer wiederkehrenden Blockaden, diffusen Ängsten, dem Gefühl der Heimatlosigkeit, bleiernen Schuldgefühlen oder depressiven Verstimmungen, ohne sich erklären zu können, wo die Probleme ihren Ursprung haben können. Wir wollen denjenigen helfen, die mehr über sich und ihre Familienvergangenheit im Spiegel der Gesellschaft und Geschichte erfahren möchten, um den Ausgangspunkt dieser negativen Energien zu ergründen, verstehen zu lernen und sich schließlich von ihnen zu befreien.

War-Descendents Forum Kriegsenkel

War-Descendents Forum Kriegsenkel provides a platform for exchanging and obtaining information about the after-effects of World War II on the descendents of individuals who lived during the war. War-Descendents – the generation born approximately between 1960 and 1975 – grew up in societies that tried to put WWII behind them, often with economics or emigration. The Federal Republic of Germany celebrated the "economic miracle" while the German Democratic Republic became the most economically-advanced member of the Warsaw Pact. Other Germans emigrated to foreign countries to leave the past behind them and make a fresh start. Yet behind the facades of these restored worlds, there was and remains a generation of children who have been effected in more subtle ways from the rise of National Socialism, the war and the genocide of the Jews. Fascistic violence, trauma, fear, low self-esteem and aggression have all been lived out and passed on in the private sphere of the family, beyond public perception.

Over the decades, the involvement of individual families and family members with National Socialism was and remains a taboo while war experiences have often been silenced. An entire chapter of German family history – in the FRG, GDR and foreign countries where Germans emigrated after WWII – was repressed while problems were displaced onto the next generation. In this way, War-Descendents often may suffer from recurrent psychological blocks, diffuse fears, heavy feelings of guilt or feelings of depression, yet without being able to explain the origin of such experiences.
We would like to help those who are interested in learning more about themselves and their family pasts in light of both society and history. We hope to provide a point of departure for grasping these negative legacies, for learning to understand them and, ultimately, for freeing oneself from them.

 

 

Zur Erinnerung: Alle sechs Flugblätter der weißen Rose zum Nachlesen.

 

 

"Der, des Verwaltung unauffällig ist, des Volk ist froh. Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist gebrochen. Elend, ach, ist es, worauf Glück sich aufbaut. Glück, ach, verschleiert nur Elend. Wo soll das hinaus? Das Ende ist nicht abzusehen. Das Geordnete verkehrt sich in Unordnung, das Gute verkehrt sich in Schlechtes. Das Volk gerät in Verwirrung. Ist es nicht so, täglich, seit langem? Daher ist der Hohe Mensch rechteckig, aber er stößt nicht an, er ist kantig, aber verletzt nicht, er ist aufrecht, aber nicht schroff. Er ist klar, aber will nicht glänzen." Laozi

 

 

Reich ist, wer weiß, dass er genug hat. Laozi

 

 

Genug zu haben ist Glück, mehr als genug zu haben ist unheilvoll. Das gilt von allen Dingen, aber besonders vom Geld. Laozi

 

 

Die Dinge sind dazu da, dass man sie benutzt, um das Leben zu gewinnen, und nicht, dass man das Leben benutzt, um die Dinge zu gewinnen. Laozi

 

 

Nur wer sich in Genügsamkeit genügt, hat stets genug. Laozi

 

 

Der Weise ist nicht gelehrt, der Gelehrte ist nicht weise. Laozi

 

 

Wahre Worte sind nicht angenehm, angenehme Worte sind nicht wahr. Laozi

 

 

Die Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus. Laozi

 

 

Wer weiß, spricht nicht, wer spricht, weiß nicht. Laozi

 

 

Weiser ist die Weisheit, die schwer errungen werden musste. Laozi

 

 

Wer sich auf die Zehen stellt, steht nicht fest. Laozi

 

 

Wer sich am Ziel glaubt, geht zurück. Laozi

 

 

Das Böse lebt nicht in der Welt der Menschen. Es lebt allein im Menschen. Laozi

 

 

Der Weise lebt in der Einfalt und ist ein Beispiel für viele. Er will nicht selber scheinen, darum wird er erleuchtet. Laozi

 

 

Besser als einer, der weiß, was recht ist, ist einer, der liebt, was recht ist; und besser als einer, der liebt, was recht ist, ist einer der Begeisterung fühlt für das, was recht ist. Laozi

 

 

Reisen ist besonders schön, wenn man nicht weiß, wohin es geht. Aber am allerschönsten ist es, wenn man nicht mehr weiß, woher man kommt. Laozi

 

 

Der sittliche Mensch liebt seine Seele, der gewöhnliche sein Eigentum. Konfuzius

 

 

Das Wichtigste im Leben ist Treue zu sich selbst und Güte zu Anderen. Konfuzius

 

 

Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den Anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben. Konfuzius

 

 

Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, so ist es sinnlos, miteinander zu planen. Konfuzius

 

 

Von Natur aus sind die Menschen fast gleich. Erst die Gewohnheiten entfernen sie voneinander. Konfuzius

 

 

Das Wasser nimmt nicht mehr Platz ein als es wirklich bedarf. So gleicht es der Mäßigung. Konfuzius

 

 

Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen. Konfuzius

 

 

Das Rechte erkennen und nichts tun, ist Mangel an Mut. Konfuzius

 

 

Das Aussehen eines Menschen siehst du bei Licht, seinen Charakter jedoch, erkennst du im Dunkeln. Konfuzius

 

 

Der Weise sucht, was in ihm selber ist, der Tor, was außerhalb. Konfuzius

 

 

Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen. Konfuzius

 

 

Phantsie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt. Albert Einstein

 

 

Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen. Albert Einstein

 

 

Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt. Albert Einstein

 

 

Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt. Albert Einstein

 

 

Um ein tadeloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf ein. Albert Einstein

 

 

Gesunder Menschenverstand ist eigentlich nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat. Albert Einstein

 

 

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.  Albert Einstein

 

 

Das Geld zieht nur den Eigennutz an und verführt stets unwiderstehlich zum Missbrauch. Albert Einstein

 

 

Statt dass der Mensch eine druchstrahlende Wesenheit, ein sonnenhaftes und funkelndes Dasein anstrebt, anstatt für sich selbst zu leben - nicht im Sinne von Selbstsucht, sondern von innerem Wachstum -, ist er zum sündigen und impotenten Knecht von draußen verfallen.
Emil M. Cioran Auf den Gipfeln der Verzweiflung

 



Ein Müßiggänger hat unendlich viel mehr Sinn für Metaphysik als der Betriebsame.
Emil M. Cioran Auf den Gipfeln der Verzweiflung

 



Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind ... ich bin von jeder Ideologie geheilt.
Emil M. Cioran Lehre von Zerfall

 



Die Menschen arbeiten gemeinhin allzu viel, um noch sie selbst sein zu können.
Emil M. Cioran Auf den Gipfeln der Verzweiflung

 



Das ganze Geheimnis des Lebens läuft darauf hinaus, dass es keinerlei Sinn hat; dass aber jeder von uns dennoch einen ausfindig macht!
Emil M. Cioran Gedankendämmerung

 



Leiden heißt Erkenntnis produzieren.
Emil M. Cioran Die verfehlte Schöpfung

 



Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht gelitten hat.
Emil M. Cioran Die verfehlte Schöpfung

 



"Das Auge der Erkenntnis", ein Analphabet kann es besitzen und sich damit über jeden Wissenschaftler erheben.
Emil M. Cioran Die verfehlte Schöpfung

 

 

Gehe nicht hinter mir, vielleicht führe ich nicht. Geh nicht vor mir, vielleicht folge ich nicht. Geh einfach neben mir und sei mein Freund.
Albert Camus


Das Leben verlieren ist keine große Sache; aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.
Albert Camus


Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.
Albert Camus



Äußere Ordnung ist oft nur der verzweifelte Versuch, mit einer großen inneren Unordnung fertig zu werden.
Albert Camus


Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.
Albert Camus


Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
Albert Camus



Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.
Albert Camus



Die Wahrheit ist keine Tugend, sondern eine Leidenschaft. Deshalb ist sie niemals barmherzig.
Albert Camus


Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.
Albert Camus



Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.
Albert Camus


Glück und Erfolg werden nur dem gegeben, der grossmütig einwilligt, beide zu teilen.
Albert Camus



Das menschliche Herz hat eine fatale Neigung, nur etwas Niederschmetterndes Schicksal zu nennen.
Albert Camus

 

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.
Søren Kierkegaard


Die Menschen scheinen die Sprache nicht empfangen zu haben, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben.
Søren Kierkegaard



Schon die Freundschaft ist gefährlich; aber die Ehe ist noch gefährlicher, denn die Frau ist und bleibt das Verderben des Mannes, wenn er ein dauerndes Verhältnis mit ihr eingeht.
Søren Kierkegaard


Man unterziehe sich niemals einer Berufsarbeit. Tut man das, so wird man schlecht und recht ein Allerweltsmensch, ein kleines Rädchen in der Maschine des Staatsorganismus.
Søren Kierkegaard


Je mehr man sich beschränkt, um so erfinderischer wird man.
Søren Kierkegaard


Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Ansicht falsch ist. Menschen, die recht haben, stehen meistens allein.
Søren Kierkegaard


Darum ist die Natur so groß, weil sie vergessen hat, dass sie Chaos war; und doch kann es ihr auch wieder einfallen, wenn es sein muss.
Søren Kierkegaard



Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.
Søren Kierkegaard



Die Wahrheit ist immer in der Minderheit.
Søren Kierkegaard


Die Sonne scheint für dich – deinetwegen; und wenn sie müde wird, beginnt der Mond, und dann werden die Sterne angezündet.
Es wird Winter, die ganze Schöpfung verkleidet sich, spielt Verstecken, um dich zu vergnügen.
Es wird Frühling; Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen; das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken.
Es wird Herbst, die Vögel ziehn fort, nicht weil sie sich rar machen wollen, nein, nur damit du ihrer nicht überdrüssig würdest.
Der Wald legt seinen Schmuck ab, nur um im nächsten Jahr neu zu erstehen, dich zu erfreuen....
All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst?
Lerne von der Lilie und lerne vom Vogel, deinen Lehrern: zu sein heißt: für heute dasein – das ist Freude.
Lilie und Vogel sind unsere Lehrer der Freude.
Søren Kierkegaard


Sich um die Liebe zu betrügen, ist der fürchterlichste Betrug; es ist ein ewiger Verlust, der sich nie ersetzen läßt, weder in der Zeit noch in der Ewigkeit.
Søren Kierkegaard



Meine Zeit teile ich so ein: die eine Hälfte verschlafe ich, die andere verträume ich. Wenn ich schlafe, so träume ich nie. Das wäre Sünde. Schlafen ist die höchste Genialität.
Søren Kierkegaard


Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir nicht Reichtum und Macht wünschen, sondern ein leidenschaftliches Gespür für Potential - ein Auge, das, immer jung und feurig, das Mögliche sieht. Das Vergnügen enttäuscht, die Möglichkeit nie.
Søren Kierkegaard


Wahrheit steht am Anfang des Vertrauens. Je echter die Wahrheit, um so kürzer der Weg zur Verständigung.
Søren Kierkegaard


Jede ästhetische Lebensanschauung ist Verzweiflung.
Søren Kierkegaard


Geist ist, welche Macht die Erkenntnis über das Leben besitzt.
Søren Kierkegaard



Wenn man einmal ganz in das Reich der Liebe eingetreten ist, dann wird die Welt, so mangelhaft sie auch ist, dennoch schön und reich; denn sie besteht aus lauter Gelegenheiten zur Liebe.
Søren Kierkegaard


Der Glaube beginnt da, wo das Denken aufhört.
Søren Kierkegaard



Das Genie ist wie das Donnerwetter: Es geht gegen den Wind, schreckt die Menschen und reinigt die Luft.
Søren Kierkegaard


Alles kommt wieder, aber auf eine andere Weise.
Søren Kierkegaard



Ein sonderbares Wesen, der Mensch! Die Freiheit, die er hat, gebraucht er nie, sondern wünscht sich immer eine, die er nicht hat: Er hat Denkfreiheit, und er verlangt Redefreiheit.
Søren Kierkegaard



Soviel ich das Leben betrachte, ich kann keinen Sinn hineinbringen. Ich glaube, mir hat ein böser Geist eine Brille auf die Nase gesetzt, von deren Gläsern das eine in ungeheurem Maßstab vergrößert, während das andere im selben Maßstab verkleinert.
Søren Kierkegaard


Ein Mann kann nie so grausam sein wie ein Weib: die Mythologie, die Märchen, die Volkssagen bestätigen das. – Wie oft liest man im Volksmärchen von einer Jungfrau, die kaltblütig mit ansieht, wie ihre Freier das Leben daransetzen, sie zu gewinnen.
Søren Kierkegaard


Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist.
Søren Kierkegaard


Mein Kummer ist meine Ritterburg; sie liegt wie ein Adlerhorst auf der Spitze eines Berges und ragt hoch in die Wolken. Niemand kann sie stürmen.
Søren Kierkegaard



Was ist denn Sanftmut anderes als: die schwere Last leicht tragen,
wie Ungeduld und Verdrießlichkeit nichts anderes sind, als:
die leichte Last schwer tragen.
Søren Kierkegaard



Da ich nicht denke, daß die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, daß sie ihm von Natur aus überlegen ist.
Simone de Beauvoir


Ein Gefühl ist ein Engagement, das den Augenblick überschreitet.
Simone de Beauvoir


Man weigert sich, solange man im jugendlichen Drang den wechselvollen Alltag genießt, in den Greisen das eigene Schicksal zu sehen.
Simone de Beauvoir


Die Frau ist Feld und Weide, aber sie ist auch Sodom und Gomorrha.
Simone de Beauvoir


Eine Frau, die den Verlust eines Kindes durchgemacht hat, erschrickt nicht mehr. Eine Mutter, die ihr Kind schlägt, schlägt nicht nur das Kind, und in gewissem Sinne schlägt sie es überhaupt nicht: Sie rächt sich an einem Mann, an der Welt oder an sich selbst.
Simone de Beauvoir


Altern heißt sich über sich selbst klar werden.
Simone de Beauvoir


Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.
Simone de Beauvoir


Die Harmonie zwischen zwei Menschen ist niemals gegeben. Sie muss immer wieder neu erobert werden.
Simone de Beauvoir

 

Alles Reden ist sinnlos,
wenn das Vertrauen fehlt.
Franz Kafka

 

Das Glück, das dir am meisten schmeichelt,
betrügt dich am ehesten.
Franz Kafka

 

Was ist Liebe? Das ist doch ganz einfach! Liebe ist alles, was unser Leben steigert, erweitert, bereichert. Nach allen Höhen und Tiefen. Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Fahrzeug. Problematisch sind nur Lenker, die Fahrgäste und die Straße.
Franz Kafka


Die Furcht ist das Unglück, deshalb ist nicht Mut das Glück, sondern Furchtlosigkeit.
Franz Kafka

 

Die dir zugemessene Zeit ist so kurz, daß du, wenn du eine Sekunde verlierst, schon dein ganzes Leben verloren hast, denn es ist nicht länger; es ist immer nur so lang wie die Zeit, die du verlierst.
Franz Kafka

 

Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (...) stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle.
Franz Kafka

 

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.
Franz Kafka

 

Wir brauchen Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in die Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
Franz Kafka


Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.
Franz Kafka


Ich muß viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.
Franz Kafka


Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein.
Franz Kafka


Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.
Franz Kafka


Man muß ins Dunkel hineinschreiben wie in einen Tunnel.
Franz Kafka


Wer der Welt entsagt, muß alle Menschen lieben, denn er entsagt auch ihrer Welt. Er beginnt daher, das wahre menschliche Wesen zu ahnen, das nicht anders als geliebt werden kann, vorausgesetzt, daß man ihm ebenbürtig ist.
Franz Kafka


Wege, die in die Zukunft führen, liegen nie als Wege vor uns. Sie werden zu Wegen erst dadurch, daß man sie geht.
Franz Kafka


Das Glück begreifen, daß der Boden, auf dem du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.
Franz Kafka


Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen; man bittet, aus der alten Zelle, die man haßt, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehen und sagen: "Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir!"
Franz Kafka


Manche leugnen den Jammer durch Hinweis auf die Sonne, er leugnet die Sonne durch Hinweis auf den Jammer.
Franz Kafka


Geiz ist ja eines der verläßlichsten Anzeichen tiefen Unglücklichseins.
Franz Kafka


Dichtung ist immer nur eine Expedition nach der Wahrheit.
Franz Kafka


Der Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit.
Nur mir gegenübergestellt sein.
Franz Kafka


Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.
Franz Kafka


In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken
man jahrelang im Moos liegen könnte.
Franz Kafka


Der Schlüssel zur ewigen Jugend ist die Fähigkeit, das Schöne zu sehen! Wer diese Fähigkeit besitzt, wird niemals alt.
Franz Kafka


Die Träumenden und die Wünschenden halten den
feineren Stoff des Lebens in den Händen.
Franz Kafka



Nicht jeder kann die Wahrheit sehn, aber sein.
Franz Kafka



Von außen wird man die Welt mit Theorien immer siegreich eindrücken und gleich mit in die Grube fallen, aber nur von innen sich und sie still und wahr erhalten.
Franz Kafka


 

 

Erich Mühsam 1909

Ich will alleine über die Berge gehen

Ich will alleine über die Berge gehn,
und keiner soll von meinen Wegen wissen;
denn wer den Pfad zu meinen Höhn gesehn,
hat mich von meinen Höhn herabgerissen.

Ich will alleine über die Berge gehn,
mein Lied soll ungehört am Fels verklingen,
und meine Klage soll im Wind verwehn; -
nur wer dem eignen Herzen singt, kann singen; -

nur wer dem eigenen Herzen klagt, kann klagen;
nur wer das eigne Herz erkennt, kann sehn. -
Hinauf zu mir! Ich will der Welt entsagen,
und will alleine über die Berge gehn.

 

 


Erich Mühsam

Jeden Abend werfe ich

Jeden Abend werfe ich
eine Zukunft hinter mich,
die sich niemals mehr erhebt –

denn sie hat im Geist gelebt.
Neue Bilder werden, wachsen;
Welten drehn um neue Achsen,
werden, sterben, lieben, schaffen.
Die Vergangenheiten klaffen. –

Tobend, wirbelnd stürzt die Zeit
in die Gruft. – Das Leben schreit!

 

 

 

Herrmann Hesse

Die Welt unser Traum

Nachts im Traum die Städt' und Leute,
Ungeheuer, Luftgebäude,
Alle, weißt du, alle steigen
Aus der Seele dunklem Raum,
Sind dein Bild und Werk, dein eigen,
Sind dein Traum.

Geh am Tag durch Stadt und Gassen,
Schau in Wolken, in Gesichter,
Und du wirst verwundert fassen:
Sie sind dein, du bist ihr Dichter!
Alles, was vor deinen Sinnen
Hundertfältig lebt und gaukelt,
Ist ja dein, ist in dir innen,
Traum, den deine Seele schaukelt.

Durch dich selber ewig schreitend,
Bald beschränkend dich, bald weitend,
Bist du Redender und Hörer,
Bist du Schöpfer und Zerstörer.
Zauberkräfte, längst vergeßne,
Spinnen heiligen Betrug,
Und die Welt, die unermeßne,
Lebt von deinem Atemzug.

 

 

 

Erich Kästner 1928

Stimmen aus dem Massengrab

Da liegen wir und gingen längst in Stücken.
Ihr kommt vorbei und denkt: sie schlafen fest.
Wir aber liegen schlaflos auf dem Rücken,
weil uns die Angst um Euch nicht schlafen lässt.

Wir haben Dreck im Mund. Wir müssen schweigen.
Und möchten schreien, bis das Grab zerbricht!
Und möchten schreiend aus den Gräbern steigen!
Wir haben Dreck im Mund. Ihr hört uns nicht.

Ihr hört nur auf das Plaudern der Pastoren,
wenn sie mit ihrem Chef vertraulich tun.
Ihr lieber Gott hat einen Krieg verloren
und lässt euch sagen: Laßt die Toten ruhn!

Ihr dürft die Angestellten Gottes loben.
Sie sprachen schön am Massengrab von Pflicht.
Wir lagen unten, und sie standen oben.
„Das Leben ist der Güter höchstes nicht.“

Da liegen wir, den toten Mund voll Dreck.
Und es kam anders, als wir sterbend dachten.
Wir starben. Doch wir starben ohne Zweck.
Ihr lasst Euch morgen, wie wir gestern, schlachten.

Vier Jahre Mord, und dann ein schön Geläute!
Ihr geht vorbei und denkt: sie schlafen fest.
Vier Jahre Mord, und ein paar Kränze heute.
Verlasst Euch nie auf Gott und seine Leute!
Verdammt, wenn ihr das je vergeßt!

 

 

Ingeborg Bachmann 1944

Nach grauen Tagen

Eine einzige Stunde frei sein!
Frei, fern!
Wie Nachtlieder in den Sphären.
Und hoch fliegen über den Tagen
möchte ich
und das Vergessen suchen---
über das dunkle Wasser gehen
nach weißen Rosen,
meiner Seele Flügel geben
und, oh Gott, nichts wissen mehr
von der Bitterkeit langer Nächte,
in denen die Augen groß werden
vor namenloser Not.
Tränen liegen auf meinen Wangen
aus den Nächten des Irrsinns,
des Wahnes schöner Hoffnung,
dem Wunsch, Ketten zu brechen
und Licht zu trinken---
Eine einzige Stunde Licht schauen!
Eine einzige Stunde frei sein!

 

 

Ingeborg Bachmann 1954

Nebelland

Im Winter ist meine Geliebte 
unter den Tieren des Waldes. 
Daß ich vor Morgen zurückmuß, 
weiß die Füchsin und lacht. 
Wie die Wolken erzittern! Und mir 
auf den Schneekragen fällt 
eine Lage von brüchigem Eis. 

Im Winter ist meine Geliebte 
ein Baum unter Bäumen und lädt 
die glückverlassenen Krähen 
ein in ihr schönes Geäst. Sie weiß, 
daß der Wind, wenn es dämmert, 
ihr starres, mit Reif besetztes 
Abendkleid hebt und mich heimjagt. 

Im Winter ist meine Geliebte 
unter den Fischen und stumm. 
Hörig den Wassern, die der Strich 
ihrer Flossen von innen bewegt, 
steh ich am Ufer und seh, 
bis mich Schollen vertreiben, 
wie sie taucht und sich wendet. 

Und wieder vom Jagdruf des Vogels 
getroffen, der seine Schwingen 
über mir steift, stürz ich 
auf offenem Feld: sie entfiedert 
die Hühner und wirft mir ein weißes 
Schlüsselbein zu. Ich nehm’s um den Hals 
und geh fort durch den bitteren Flaum. 

Treulos ist meine Geliebte, 
ich weiß, sie schwebt manchmal 
auf hohen Schuh’n nach der Stadt, 
sie küßt in den Bars mit der Strohhalm 
die Gläser tief auf den Mund, 
und es kommen ihr Worte für alle. 
Doch diese Sprache verstehe ich nicht. 

Nebelland hab ich gesehen, 
Nebelherz hab ich gegessen. 

 


Erich Fried 1987

Gegen Vergessen

Ich will mich erinnern
dass ich nicht vergessen will
denn ich will ich sein
Ich will mich erinnern
dass ich vergessen will
denn ich will nicht zuviel leiden

Ich will mich erinnern
dass ich nicht vergessen will
dass ich vergessen will
denn ich will mich kennen

Denn ich kann nicht denken
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht wollen
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht lieben
denn ich kann nicht hoffen
denn ich kann nicht vergessen
ohne mich zu erinnern

Ich will mich erinnern
an alles was man vergisst
denn ich kann nicht retten
ohne mich zu erinnern
auch mich nicht und nicht meine Kinder
Ich will mich erinnern
an die Vergangenheit und an die Zukunft
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen muss
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen sein werde

 

 

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